Emotionaler Missbrauch im Gesangstudio

Emotionaler Missbrauch im Gesangstudio

von David L. Jones

Kürzlich habe ich in meinem Gesangstudio in New York eine Master-Class durchgeführt. Die Sänger und Gesangslehrer waren eingeladen an einer Frage-Antwort-Session über Gesangstechnik teilzunehmen. Dabei habe ich das Thema des emotionalen Missbrauchs im Gesangstudio angesprochen; hier wollte jeder von seinen eigenen Erfahrungen berichten.

Das ist ein heikles Thema, über das selten gesprochen wird, obwohl ich denke, dass man dieses Thema mehr in das Bewusstsein rücken muss. In meinen Gesprächen mit Ruth Hersh, Psychologin und früheres Mitglied der Columbia University, haben wir verschiedene Aspekte besprochen, die emotionalen Missbrauch hervorrufen, und warum dieser bei Gesangslehrern so verbreitet ist. Dieses Problem gibt es aber nicht nur in der amerikanischen Kultur oder in der Welt des Gesanges. Es ist in vielen Gebieten des Unterrichtens weltweit anzutreffen.

Zuerst müssen wir definieren, was einen guten Lehrer auszeichnet. Einige Stichworte,die mir dazu einfallen sind: Führer, Mentor, Kreativitäts-Förderer, flexibler, positiver Partner und emotionaler Unterstützer. Alle diese Charakterzüge sind für einen klaren Informationsaustausch notwendig. Ein flexibler und spontaner Lernprozess kann nur dann stattfinden, wenn der Lehrer einige oder die meisten dieser Eigenschaften besitzt.

Ich habe bei der Definition des Lehrers bewusst nicht Worte wie: Diktator, übergeordneter Mensch, Autorität, Boss, Mutter-, Vater- oder Familienersatz oder co-abhängiges lästiges Kind benutzt. Diese Charaktereigenschaften sind in jedem Zusammenhang ungesund. Mögen diese Beschreibungen unter Gesangslehrern auch für eine gewisse Belustigung sorgen, es gibt solche Verhältnisse. Sie sind sowohl für den Sänger als auch für den Lehrer ungünstig. Niemand kann davon profitieren und bezüglich gesanglicher Probleme lässt sich dadurch nichts lösen. Ist der Lehrer emotional gestört, kann die Zeit nur darauf verwendet werden, seine emotionalen Löcher zu füllen. Die Psychologin Ruth Hersh beschreibt diese Personen als Schweizerkäse, der ständig danach trachtet die Löcher zu stopfen. Nachdem die Löcher gestopft sind, fällt die Füllung wieder heraus. Deshalb hat dieses Stopfen der Löcher kein Ende. Wenn einer von beiden, Lehrer oder Schüler, eine solche Persönlichkeitsstruktur besitzt, entsteht dadurch eine für das Lernen extrem ungünstige Situation.

Weisheit und der humanistische Geist

Um ein hilfreicher Begleiter zu sein, muss jeder Lehrer um emotionale Ausgeglichenheit bemüht sein. Spätestens seit John Bradshaw 96% aller Familien als »gestört« erkannt hat wird deutlich, dass das gelinde gesagt keine einfache Aufgabe ist. Es ist erwiesen, dass Menschen aus einer emotional missbräuchlichen Umgebung als Erwachsene oftmals selbst Missbrauch betreiben. Manchmal ist das wie ein emotionaler Reflex. Wenn man bedenkt wie früh im Leben unsere Einstellungen und Verhaltensweisen geprägt werden, ist es nicht überraschend, dass diejenigen, die eine schwere Kindheit hatten, als junge Erwachsene und manchmal ihr ganzes Leben lang eine schwierige Persönlichkeit haben.

Als ich das erste Mal Alan Lindquests Gesangstudio betrat, mühte er sich aus dem Stuhl (er benutzte einen Gehstock zum Laufen) und kam zu mir herüber. Er schaute mir direkt in die Augen und sagte: »David,es ist in der Tat ein Privileg, dich zu treffen.« Ich war schockiert! Bei all meiner Erfahrung mit Gesangslehrern war ich nie zuvor mit soviel unmittelbarer Liebenswürdigkeit und Bemühen begrüßt worden. Dieses Bild und der Klang seiner Stimme werden mir bis zum Lebensende in Erinnerung bleiben. Dieses eine Erlebnis hat mein ganzes Leben als Lehrer beeinflusst.

Ich bemühe mich jeden Tag um diese positive Einstellung und den Sinn für den liebevollen Umgang: Beides hatte Lindquest von Natur aus. Nachdem er mich begrüßt hatte, wusste ich, dass ich es mit wahrer Größe zu tun hatte. Lindquest war wirklich einer der letzten Gesangslehrer der alten italienischen Schule. Nicht nur sein Wissen über die Stimme war groß, nein, er besaß auch einen großen Geist; einen menschenfreundlichen Charakter mit großer Anteilnahme an anderen Menschen, der in einem freudigen Geist seinen Ausdruck fand.

Ich erzähle diese Geschichte bei verschiedenen Anlässen, und häufig sind die Sänger gerührt davon. Häufig sind das Tränen des Bedauerns, dass sie selbst schlechte Erfahrungen mit Gesangslehrern machen mussten. Das soll nicht heißen, dass alle Lehrer ihre Schüler emotional missbrauchen. Wir müssen begreifen, dass es in unserer gestörten Gesellschaft sehr wichtig ist, emotional ausgeglichen zu sein. Diese emotionale Ausgeglichenheit ist die Grundlage für die Fähigkeit, gut zu unterrichten. Offenheit, Anteilnahme, Liebenswürdigkeit, eine positive Lebenseinstellung, Interesse am Lernen, jeden Tag als Möglichkeit weiteren Wachstums zu begreifen, nach neuen wirksamen Methoden suchen; all das sind Aspekte des exzellenten Unterrichtens. Befindet sich der Lehrer selbst noch auf dem Weg des Lernens, ist er gespannt auf den eigenen Entwicklungsprozess und den seiner Schüler. Wir müssen uns selbst stimmlich und emotional versorgen bevor wir uns um andere kümmern können.

Das falsche Ego

Arroganz und andere »Spielchen«: Ich erinnere mich an meine eigenen Erfahrungen, die ich bei meinem ersten Studium machte. Ich war besorgt, irgend etwas lief falsch. Nach außen hin waren die Lehrer freundlich, aber das rührte von einer falschen oberflächlichen Verkleidung her, die sie sich zugelegt hatten. Ein äußerliches Verhalten, das nicht von innen kam. Ich hatte nie das Gefühl, mit einer Person im Raum zu sein, die sich wirklich für meinen Lernprozess interessierte.

Was sollte ich machen? Mit wem hätte ich sprechen sollen, der mich auch verstanden hätte? Die Lehrer schienen extrem unsicher zu sein und sich mehr um die Hochschulpolitik zu sorgen als um meine stimmliche Entwicklung. Das zeigte sich in ihrer Arroganz und den falschen Egos: Eine Gesangsklasse gegen die andere; jeder Gesangslehrer behauptete, alle Antworten zu haben, und nur er kenne das Geheimnis des guten Gesangs. Irgendwann erstickte ich fast an meiner eigenen Stimme, und ich wusste: irgend etwas stimmt nicht. Keiner der Lehrer hatte mir das Geheimnis des Singens zeigen können.

John Bradshaw spricht in seinen Büchern über dieses falsche Ego. Ich empfehle diese Bücher allen meinen Schülern. Je mehr wir über unsere eigenen Gefühle wissen, desto mehr sind wir auch in der Lage, selbst zu lernen und andere zu unterrichten. Wir bekommen die Fähigkeit, uns vor emotional kranken und leeren Menschen zu schützen. Ein Sänger, den ich für einige Zeit unterrichtet habe, sagte: »Ein wahrer Künstler muss sich nicht wie eine Diva aufführen, weil er seinen Fähigkeiten vertraut.« Das kam aus dem Mund eines Sängers, der auf der ganzen Welt gesungen und eine internationale Karriere gemacht hatte. Der Kern dieser Aussage ist, dass jemand mit einem gesunden Ego nicht so sehr nach Aufmerksamkeit verlangt. Erst dann kann man sich voll und ganz der Kunst des Singens widmen.

Das einem »Kult« folgende Gesangstudio

Häufig kann man beobachten, dass für Lehrer die Schüler das komplette soziale Leben ausmachen. Das ist sehr gefährlich insbesondere auf einer Universität oder einem Konservatorium. So wird der Schüler zum Ersatzkind oder der Ersatzfamilie des Lehrers. Dabei entsteht häufig ein ungesundes Verhältnis, das wir »emotionales Enmeshment« (etwa: emotionale Verstrickung, d. Übers.) nennen; eine Co-Abhängigkeit, die dem Sänger nicht erlaubt, sich zu einem starken unabhängigen Profi zu entwickeln. Viele Sänger, die mit solchen Lehrern zu tun hatten, sind nicht in der Lage eine professionelle Karriere anzugehen. Ihr Glaubenssystem ist so abhängig von äußerer Bestätigung durch den Lehrer,dass sie ohne dieses nicht auskommen.

Die Profis, mit denen ich gearbeitet habe, haben gelernt bis zu einem hohen Grade, ihre eigenen Lehrer zu sein. Wenn ich Sängern erkläre, dass sie lernen müssen, ihre eigenen Lehrer zu sein, sehe ich sofort die Unsicherheit in ihren Augen. Jeder Erwachsene muss lernen unabhängig zu werden. Sänger müssen emotional und stimmlich unabhängig sein. Emotionen haben einen direkten Einfluss auf die Stimme. Wir brauchen emotionale und stimmliche Anleitung, jedoch kommt der Zeitpunkt, an dem der Sänger lernen muss zu experimentieren, und sich selbst mit Hilfe gesunder Gesangsmethodik zu unterrichten. Das erfordert viel Erfahrung und Zeit. Dazu benötigt man eine gute Gesangstechnik als Grundlage, und man muss bereit sein an den eigenen Emotionen zu arbeiten. Ich habe eine Liste von Texten zusammengestellt, die ich für mich selbst und meine Schüler als hilfreich empfunden habe.

Grundschultrauma

Vor Jahren habe ich in der Grundschule unterrichtet. Ich habe die Kinder nur alle zwei Wochen eine Stunde lang unterrichtet. Somit reichte das nicht aus, um ihren Bedarf an Musikunterricht zu decken. In meiner Abwesenheit haben die anderen Lehrer Liederbücher herausgeholt und Lieder auf dem Klavier gespielt, damit die Kinder singen konnten. Unglücklicherweise waren diese Lieder nicht in den richtigen Tonarten für Kinderstimmen. Normalerweise waren diese Lieder viel zu hoch gesetzt. Deshalb konnte über die Hälfte der Kinder nicht sauber singen; das was in Europa »falsch singen« genannt wird.

Vielen von ihnen wurde gesagt, sie könnten nicht singen und sollten bitte nicht mitsingen. Das ist ein Trauma für ein Kind; eine unentschuldbare und ignorante Bemerkung, die niemals irgend jemandem gegenüber gemacht werden darf. In meinem New Yorker Studio bin ich noch immer damit beschäftigt, die durch solche Traumata entstandenen Wunden der Sänger heilen zu helfen. Viele kommen in mein Gesangstudio, um 30 bis 40 Jahre später zu beweisen, dass diese Einschätzung falsch war. Vielen Sängern wird von Familienmitgliedern gesagt, sie könnten nicht singen. Wie schrecklich ist es für jeden die Worte: »Du kannst nicht singen!« hören zu müssen. Dieser Schmerz ist schwer zu heilen, und das kann Jahre dauern. So sehen wir uns durch die Ausbildung und hohe stimmliche Standards dem Dämon des negativen Denkens gegenüber. Lehrer müssen wissen, wie viel Kraft Worte besitzen. Sie müssen lernen, ihre Bemerkungen sorgfältig auszuwählen; Bemerkungen, die das positive Verstärken und das negative Abschwächen. Das ist existentiell, wenn jemand ein wirklicher »Künstler-Lehrer« werden möchte.

Die therapeutischen Aspekte der Offenheit beim Lernen sind nicht zu unterschätzen.

Beim Unterrichten sind mir schon alle Arten von emotionaler und physischer Misshandlung begegnet. Es ist sehr schade, das so große Teile unserer Gesellschaft Kinder durch dieses Verhalten belasten. Dann verbringen sie ihr Erwachsenen-Dasein damit, gesund zu werden.

Ich bin immer dankbar auch Schüler zu haben, die niemals studiert haben, weil ich weiß, dass wir dann nicht so viel Zeit benötigen, um die positiven emotionalen Reflexe abzustimmen, die man für effektives und nachhaltiges Lernen benötigt. Ich habe viele Sänger, die unter diesen emotionalen Misshandlungen gelitten haben, daran wachsen sehen.

Ich hatte eine talentierte Schülerin, die von ihren früheren Gesangslehrern so sehr emotional misshandelt worden war, dass sie überhaupt kein Vertrauen mehr in ihre Stimme hatte. Ja, sie sang unsauber, weil ihre Körperunterstützung falsch war. Diese Sängerin brach häufig mitten in der Stunde in Tränen aus, und wir mussten die Stunde unterbrechen. Jetzt vertraut sie ihrem Talent, und sie liebt es zu singen. Was zu Beginn eine schmerzvolle Erfahrung gewesen war, wurde nun zu einer großen Freude und emotionalen Erfüllung. Jedoch hat es fast zwei Jahre gedauert, die emotionale Einstellung zum Singen derart zu verändern. Die Ausbildung ihrer Stimme hätte weniger als die halbe Zeit benötigt, wenn diese emotionale Altlast nicht vorhanden gewesen wäre. Das ist nur ein Beispiel für emotionalen Schaden, der durch unfähige Lehrer hervorgerufen werden kann. Ich hoffe, dass es eines Tages in unseren Schulen auch psychologische Ausbildung für alle Lehrer und jungen Menschen geben wird. Aber auch das kann nur dann effektiv sein, wenn man sich dem mit Ernsthaftigkeit widmet.

Psychologische Fragen für Lehrer

  • Ist die Bemerkung, die ich mache, hilfreich?
  • Was interessiert mich mehr das Ergebnis oder der Prozess?
  • Ist dieser Schüler/Sänger bedürftig? Stiehlt er meine Energie? Wenn das so ist: Schaffe ich es, eine gesunde Distanz aufzubauen, ohne die Person zurückzuweisen?
  • Begrüße ich den Sänger mit einer positiven Bemerkung?
  • Zelebriere ich jedes Gesangstalent unabhängig vom Level?
  • Habe ich den Schüler genug ermutigt, dass er begeistert bei der Sache ist?
  • Ohne die Stunde gleich zu einer Therapie-Sitzung machen zu wollen: Sorge ich mich wirklich um den Schüler und bin zuversichtlich?
  • Ist mein musikalischer Standard so hoch, dass der Sänger ihn als persönliches erreichbares Ziel ansehen kann? Oder unterbreche ich den Schüler bereits nach zwei Tönen wieder und kritisiere ihn?
  • Habe ich daran gearbeitet ein wirklicher Mentor zu werden, mich der ganzen Person zu widmen und mich um die persönliche und stimmliche Entwicklung zu bemühen?
    Warum unterrichte ich? Weil ich es gerne mache, oder weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll?
  • Interessiert mich der Lernprozess wirklich oder benutze ich ihn nur, um das leere Gefühl in mir zufüllen?
  • Was kann ich tun, um mich psychisch und emotional weiterzuentwickeln?

Lesetipps

John Bradshaw Bücher: »Healing the Shame that Binds You«, »The Family« und »Homecoming« in deutscher Übersetzung »Familiengeheimnisse«
Nathaniel Branden: »Die sechs Säulen des Selbstwertgefühls«
Hal Stone, PH.D. und Sidra Winkelmann, PH.D.: »Embracing Our Selves«
Alice Miller: »Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst«
Carolyn M.Ball M.A.: »Claiming Your Self-Esteem«
Schlussgedanke

Es gibt keinen perfekten Lehrer, weil es keinen perfekten Menschen gibt. Betrachten wir das Leben jedoch als einen Prozess der Schöheit und des Wachstums, können wir jeden Tag als Möglichkeit begreifen, wahre Größe zu erlangen: Jeder Moment kann Teil einer Kette von wunderbaren Entwicklungen sein. Nimm das Leben, Dich selbst und andere mit Anteilnahme und Menschenliebe an.
Fragen richten Sie bitte an Christian Halseband, email hidden; JavaScript is required (auf deutsch oder englisch) oder an David L. Jones, email hidden; JavaScript is required (auf englisch).

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